ANNE GRAEFER - MAY 26, 2021

A labour of love? Was ist eigentlich Care-Arbeit?

Tätigkeiten, die Zeit und emotionale Fürsorge verlangen. Care-Arbeit ist überall - nur nicht in der Ökonomie.
„Care-Arbeit ist die Arbeit, die man erst merkt, wenn sie nicht gemacht wird.“ - Emilia Roig

Care-Arbeit oder Sorgearbeit beschreibt die Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns. Darunter fällt Kinderbetreuung oder Altenpflege, Arbeiten im Haushalt, Hilfe unter Freunden oder Ehrenamt (bpb 2020). Bislang wurden diese Arbeiten überwiegend von Frauen geleistet. Obwohl sie sowohl persönlich als auch gesellschaftlich und wirtschaftlich notwendig ist, ist Care-Arbeit im Vergleich zur Erwerbarbeit abgewertet.

„Die Bezeichnung ‚Care-Arbeit‘ ist entstanden, um die unbezahlte Arbeit von Frauen, Müttern und Töchtern in Haushalten und Familien sichtbar zu machen und sie als Arbeit anzuerkennen“, schreibt Emilia Roig und weist damit auf ein Kernproblem in den Debatten um Sorgearbeit hin: Denn unter dem Begriff ‚Arbeit‘ wird im Allgemeinen nur Lohnarbeit bzw. Erwerbsarbeit verstanden. Care-Arbeit aber, die für die Reproduktion der Arbeitskraft im kapitalistischen System unerlässlich, wird nicht als ‚richtige‘ Arbeit gewertet und dementsprechend auch nicht vergütet.

Care-Arbeit wird sogar oft als das komplette Gegenteil von Arbeit aufgefasst, denn die Hingabe und Liebe mit der frau sich um andere kümmert, kann man ja gar nicht mit Geld aufwiegen. Stattdessen wird sie dem weiblichen Reflex oder Instinkt zugeschrieben [1].

„Meine Frau arbeitet gerade nicht“

Aussagen wie diese zeigen, dass Care-Arbeit oft nicht als vollwertige Arbeit angesehen wird, auch wenn die Arbeitszeit zuhause die Acht-Stunden-Marke oft sprengen dürfte. Diese Fixierung auf Lohnarbeit (Produktion) und das gleichzeitige Ausblenden und Abwerten der Sorgearbeit (Reproduktion) hat weitreichende Folgen:

Zum einen trägt dieser eindimensionale Blick auf das, was Wirtschaft umfasst, weiter zur Ungleichheit zwischen Mann und Frau bei. Zwar ist Care-Arbeit heutzutage zwischen Staat, Markt und Familie aufgeteilt, sie bleibt aber weitestgehend in weiblicher Hand. So verbringen in Deutschland 34-jährige Frauen täglich durchschnittlich fünf Stunden und 18 Minuten mit Care-Arbeit, Männer dagegen nur zwei Stunden und 31 Minuten (BMFSFJ 2019). Dieser Unterschied wird als "Gender Care Gap" bezeichnet.

Zum anderen verstärkt die Abwertung der Care-Arbeit auch soziale Ungleichheiten unter Frauen aufgrund der ethnischen Herkunft, der Klassenzugehörigkeit, der Nationalität und des Migrationsstatus. Privilegierte Menschen geben die Care-Arbeit, für die ihnen nun die traditionelle Hausfrau fehlt, an andere Frauen ab. Sie outsoucren die Art von Arbeit, für die sie selbst keine Zeit mehr haben oder die sie als unterhalb ihrer Würde empfinden.

„Diese Frauen werden schlecht bezahlt, stammen überwiegend aus benachteiligten sozialen Schichten, aus ethnischen Minderheiten, mit prekärem Aufenthaltsstatus und mit Migrationsgeschichte aus dem globalen Süden oder der ehemaligen Sowjetunion.“ (2021: 232). Sie haben oft selbst Kinder oder Eltern, um die sie sich kümmern müssen. Diese Care-Arbeit versuchen sie so gut es geht an Familienangehörige weiterzugeben. Dieses globale System von Reproduktionsarbeit wird auch „Globale Care Chain“ (Hochschild, 2000) genannt.

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“

Unter dem Titel ‚Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘ stecken selten Maßnahmen, die tatsächlich die Last der Sorgearbeit neu denken oder zur Lösung der oben angesprochenen Problemen beitragen. Denn ‚[a]nstatt Männer in die Pflicht zu nehmen, sorgen sie dafür, dass andere Frauen diese Aufgaben erledigen. Wenn die Reproduktionsarbeit innerhalb von Familie fairer aufgeteilt wäre, wäre es nicht nötig, den ‚übrigen‘ Teile der Reproduktionsarbeit an andere Frauen zu übertragen.“ (2021: 233).

Ebenso sieht Catherine Rottenberg in der Forderung nach ‚Work-Life-Balance‘ kaum einen Fortschritt für Gleichberechtigung oder nachhaltigeres Wirtschaften. Vielmehr verhindere die Berufung auf ‚balance‘, dass gut ausgebildete Frauen sich nur noch als ‚Karrierefrauen‘ verstehen und notwendige Reproduktionsarbeit ausbleibt:

„As an economic order, neoliberalism relies on reproduction and care work in order to reproduce and maintain human capital. However, as a political rationality — and in stark contrast to liberalism — neoliberalism has no lexicon that can recognize let alone value reproduction and care work” (2018: 4).

Was passiert, wenn ein System Care-Arbeit abwertet? Wer will diese Arbeit dann verrichten? Laut Rottenberg schafft die Rhetorik der ‚balance‘ hier Abhilfe: Frauen können beides haben. Sie müssen einfach nur lernen die Doppelbelastung besser zu managen.

„By paradoxically and counter‐intuitively maintaining reproduction as part of middle‐class or so‐called aspirational women's normative trajectory and positing balance as its normative frame and ultimate ideal, [we] maintain a discourse of reproduction and care work while ensuring that all responsibility for these forms of labour — but not necessarily all of the labour itself — falls squarely on the shoulders of aspirational women.” (2018: 4).

Abwertung der Care-Arbeit

Auch bei der professionellen Sorgearbeit gibt es ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Ob als Sozialpädagogin im Mädchenprojekt, Haushaltshilfe, Krankenschwester oder Erzieherin – meistens sind es Frauen, die in ganz verschiedenen Sorgeberufen tätig sind. In diesen Berufen wird gesellschaftlich wertvolle Arbeit geleistet, die Vergütung ist hingegen oft schlecht. Denn was in der Familie ‚umsonst‘ geleistet wird, scheint im Job keinen angemessenen ökonomischen Wert erzielen zu können.

„Care has long been devalued due, in large part, to its association with women, the feminine and what have been seen as the ‘unproductive’ caring professions. Care work therefore remains consistently subject to less pay and social prestige (…)” (2020).

Sich um andere zu sorgen und zu kümmern sind Eigenschaften die weiblich konnotiert sind. Berufe, die so konnotiert sind, werden in der Regel deutlich schlechter bezahlt als Berufe, die mit Begriffen wie Durchsetzungsstärke, Brillanz und Intellekt männlich konnotiert sind.

Ein Beispiel dafür, wie stark sich diese Gender Konnotierung auf Gehalt und Prestige eines Berufes auswirken, ist die Entwicklung der Computerprogrammierung. In seinen Anfängen war Programmieren nicht mit dem Bild eines genialen ‚Nerds‘ assoziiert, sondern eher mit dem einer geduldigen, detailverliebten Pedantin: der Mathematikerin (Video).

In einem Cosmopolitain Artikel von 1967 erklärte die Computerpionierin Grace Hopper, warum programmieren ein ideal Frauenberuf ist: „Programming is just like planning a dinner. (…) Programming requires patience and the ability to handle detail. Women are ‘naturals’ at computer programming.”

Diese sexistischen Stereotype konnotierten Programmieren als einen weiblichen Beruf. Als aber erkannt wurde, wie zentral die Rolle des Programmierens ist, verlagerte sich das Geschlechterverhältnis: Frauen wurden langsam aus dem Berufsfeld verdrängt und die Zahl der männlichen Programmierer stieg. Dadurch wurde der Job nicht nur deutlich besser vergütet, sondern avancierte vom ‚Sekretärinnen Job‘ zum ‚Denkerberuf‘, der ein hohes Maß an abstraktem Denken und Intelligenz bedarf.

Was tun?

Auch schon vor Corona war klar: Wir müssen uns umeinander kümmern, denn wir sind auf andere Menschen angewiesen. Theresa Bücker erklärt diese Interdependenz anschaulich:

„Eine Person mag sich durch einen anständig bezahlten Vollzeitjob selbst versorgen können, doch sobald sie sich im ‚Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten‘ befindet, (…) ist ihre Freiheit verwoben mit dem Angewiesensein auf andere und der Verantwortung für andere. Haben wir Kinder oder pflegebedürftige Angehörige, wird unsere Freiheit, einer Arbeit nachzugehen, bedingt von anderen Menschen, die sich in der Zeit kümmern. Unsere Freiheit, vom Fußboden zu essen, ermöglicht die Putzkraft und unsere Freiheit, ein luftiges Hemd zu tragen ermöglicht die Näherin aus Bangladesch. Kurzum: Wir alle sind abhängig von anderen. Niemand schafft irgendetwas ganz allein. Keine Frau, keine Mann schafft es allein an die Spitze der Politik oder eines Unternehmens. Keine Familie bewältigt den Alltag, wenn ausschließlich ein oder zwei Erwachsene sich um die Kinder kümmern könnten."

Diese Beispiele machen deutlich, wie kurzgedacht (auch viele feministische) Ansätze sind, die darauf hinarbeiten alle Erwachsenen 40 Stunden und mehr in Erwerbsarbeit einzubinden und sie damit der Zeit, der Ruhe und der Energie berauben, uns gut um andere zu kümmern.

Um etwas zu verändern, müssen wir verlernen jeden Aspekt unseres Lebens unter marktwirtschaftlichen Prinzipien verstehen. Solange aber diese neoliberale Logik vorherrscht, bleibt das Kümmern abgewertet und wird auf die Menschen abgewälzt, die eine schwächere soziale oder wirtschaftliche Position haben. 

1 Die geschichtliche Konstruktion von Care-Arbeit als natürlicher, weiblicher Instinkt ist u.a. bei Lagaisee erklärt: „[T]he construction of “care” as “natural”—and therefore not requiring recognition as labour or payment—has very much to do with its gendered association with women, defined in turn by their “maternal” tendencies. In fact, women have not necessarily always been defined primarily in terms of motherhood, nor treated as “natural” producers of people (and labour power). Their natural propensity to “care” for and about others—feeding, cleaning, hugging, and smiling while listening to others speak—is a cultural and historical development. It does not necessarily begin in the context of Western capitalist modernity, but divisions of labour within capitalism and policies of the nation state do (further) consolidate “care” as a gendered activity” (2019: 4).

2 Die Überschrift ist in Anlehnung an Silvia Federici's Buch 'Wages against Housework' (
1975)

Warum ausgerechnet wir?

“We speak the same language with Anne since our first meeting. She is an open, natural, knowledgeable communicator and a flexible business partner. Happy to develop together with her on our globally implemented Unconscious Bias workshops.”

— Sevkan Bolu, Global HR Manager, Vaillant Group
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