Anne Graefer - Februar 26, 2020 aktualisiert Januar 9, 2026

Was ist eigentlich ‘Toxic Masculinity’? Und können Frauen auch toxisch sein?

Was ist eigentlich ‘Toxic Masculinity’?

toxic masculinity,” a (heterosexual) masculinity that is threatened by anything associated with femininity (whether that is pink yogurt or emotions)
- Sarah Banet-Weiser and Kate M. Miltner.

Der Begriff  toxic masculinity wird oft benutzt, wenn es darum geht aggressives Dominanzverhalten von heterosexuellen cis-Männern zu beschreiben. Toxic masculinity (zu Deutsch ‚schädliche /toxische Männlichkeit‘) ist ein Konzept, das gerne mal falsch verstanden wird. Ganz schnell endet man bei der Gleichung Männer = Toxisch. So einfach diese Gleichung auch erscheint, sie ist leider falsch, denn bei dem Konzept geht es nicht um ‚Männer‘ (sex), sondern um ‚Männlichkeit‘ (gender). Also darum, was wir als männliches Verhalten anerkennen und was nicht. Genauer gesagt, geht es darum zu erkennen, dass bestimmt Aspekte die traditionell zum Mann-werden dazu gehören, schädlich sind. Schädlich für sie selbst, aber auch alle anderen um sie herum.

Bei ‚Toxic Masculinity‘ geht es nicht darum, dass Männer schädlich oder schlecht sind

Grundidee dahinter ist, dass wir bei männlich gelesen Kindern bestimmte Verhaltensweisen fördern, die ihnen vielleicht momentan weiterhelfen (zum Beispiel, um auf dem Schulhof nicht gehänselt zu werden), die aber auf Dauer toxisch sind. Deshalb dürfen Jungs gerne mal wild sein und über die Stränge schlagen, auch wenn das für andere unangenehme Folgen hat (‘Boys will be boys’). Jungs sollen sich durchsetzen können und keine Schwäche zeigen, damit ja keiner auf die Idee kommt sie zu dominieren. Nach dem Motto ‚Indianer kennt keinen Schmerz‘ ermutigen wir Jungs nicht zu weinen und versuchen sicher zu gehen, dass sie nicht am Ende noch ‚verweichlichen‘.

‚Wer toxische Männlichkeit erlernt hat, lebt mit einem Mangel‘, schreibt Frederik Müller. ‚Diese Personen haben meist kein gutes Verhältnis zu ihrem Körper, können ihre eigenen Grenzen ebenso wenig respektieren wie die anderer und haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zuzulassen, zu zeigen und zu verarbeiten. Konsequenzen hieraus sehen wir etwa im schlechten Umgang heterosexueller cis Männer mit dem eigenen Körper, ihrer Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit und ihrer Tendenz zu Depressionen, Sucht und Suizid.‘

Männlichkeit als Gegenteil von Weiblichkeit

Da sich Männlichkeit in einer heterosexuellen Matrix als Gegenteil von Weiblichkeit konstruiert, muss der Alpha-Mann alles als weiblich Konnotierte bei Seite schieben: egal ob das pinker Jogurt ist oder Emotionen. So überspitzt dieser Kommentar auch klingen mag, bei Geschlechterbildern orientieren wir uns immer noch ziemlich stark ein einer bipolaren Ordnung. Scheinbar intuitiv geben wir bestimmten Eigenschaften ein männliches bzw. weibliches Geschlecht:

Wortkarg – kommunikativ

Dominant – vermittelnd

Rational – emotional

Verstand – Körper

Stark – Schwach

Die Auswirkungen dieses Schubladendenkens sind schwer zu unterschätzen, denn sie zwingen Menschen in ein Korsett voller Erwartungen und Pflichten. Andererseits hat diese Korsett auch seine Vorteile, da es Identitätsstiftend ist und für viele weiße cis-Männer mit Privilegien verbunden ist (#Thomaskreislauf). Wenn nun dieses Korsett durch gesellschaftlich, politische der wirtschaftliche Veränderungen in Frage gestellt wird, dann fühlt man sich schnell bedroht und Teil von toxic masculinity ist es auf Unsicherheit mit Aggressivität zu reagieren. Zielscheibe dieses Hasses sind dann  insbesondere diejenigen, die Veränderungen vorantreiben wollen, wie Politiker*innen, Journalist*innen oder Aktivist*innen, oder diejenigen, die diese Veränderung repräsentieren, wie zum Beispiel nicht-weiße Menschen.

Können nicht auch Frauen toxisch sein?

Ja, auch Frauen benehmen sich manchmal toxisch. Aber der Punkt bei toxic masculinity oder eben toxic femininity ist nicht, wie sich einzelne Individuen verhalten, sondern es geht um das System dahinter. Darum wie starre soziale Normen unser Bild von Männlichkeit bzw. Weiblichkeit prägen. Und die gibt es bei Weiblichkeit natürlich auch: Permanent vermittelt zu bekommen, dass man als Frau gut aussehen muss, um etwas wert zu sein, ist toxisch. Permanent vermittelt zu bekommen, dass man als Frau doch am besten verheiratet ist und Kinder hat, ist toxisch. Von klein an gelehrt zu werden, dass Frauen ‚stutenbissig‘ sind und andere Frauen nur Konkurrenz am Heiratsmarkt sind, ist toxisch.

Der große Unterschied

Und dennoch gibt es einen großen Unterscheid zwischen den beiden: toxische Weiblichkeit ist viel weniger gefährlich als toxische Männlichkeit. Denn toxische Männlichkeit richtet sich auch nach außen, in Form von Gewalt gegen andere, vor allem Frauen und Menschen, die als ‚weniger männlich‘ erachtet werden.

‚If violence is constitutive of masculinity, then violence becomes the mode by which one asserts one’s masculinity. This assertion can take the form of symbolic violence and extend to physical violence too’, erklärt Syed Haider. Diese Gewalt äußert sich nicht nur durch Frauenhass im Netz, der versucht eloquente Frauen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Oder durch sexuelle Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz (wovon übrigens nicht nur Frauen, sondern alle Gender betroffen sein können), sondern auch durch häusliche Gewalt und Femizid. Eine Studie der United Nations zeigt den Zusammenhang:

“Intimate partner violence against women and girls is rooted in widely-accepted gender norms about men’s authority …and men’s use of violence to exert control over women. Research shows that men and boys who adhere to rigid views of gender roles and masculinity … are more likely to use violence against a partner.”

Das Konzept von toxic masculinity ist deshalb so hilfreich, weil es uns zeigen, dass bestimmte traditionelle Gendernormen schädlich sind. Sowohl für die, die mühevoll versuchen sie zu erfüllen, als auch für andere. Und das Konzept gibt Hoffnung, denn es zeigt, dass dieses enge Korsett ein Konstrukt ist und aufgeknöpft werden kann.

Neuere Entwicklungen

In den vergangenen Jahren ist das Konzept der toxic masculinity zunehmend in den Fokus politischer Analysen gerückt – insbesondere im Zusammenhang mit Wahlverhalten, gesellschaftlichem Wandel und dem Erstarken der digitalen Manosphere. Forschende untersuchen inzwischen nicht mehr nur individuelle Einstellungen, sondern auch Parteien, politische Stile und digitale Plattformen als Träger und Verstärker toxischer Männlichkeitsnormen. (Wer sich vertiefend mit der Manosphere und toxic masculinity beschäftigen möchte, kann unsere Podcast-Folge mit dem Forscher Jacob Johanssen anhören.)

Zur Analyse für rechte Parteien

Auf Parteiebene wird toxic masculinity als Bündel von Normen und Praktiken verstanden, die Aggression, Dominanz und emotionale Härte aufwerten, während Empathie, Fürsorge und Kompromissfähigkeit abgewertet werden. Politisch zeigt sich das etwa in der Ablehnung von Gleichstellungspolitik, restriktiven Positionen zu reproduktiven Rechten und LGBTQ+-Themen sowie in einem autoritären „Law-and-Order“-Verständnis. Hinzu kommt ein konfrontativer Kommunikationsstil und parteiinterne Kulturen, die männlich dominiert sind und sexistisches Verhalten tolerieren.

Zur Analyse von Wahlverhalten: geschlechtsspezifische Polarisierung

Parallel dazu zeichnet sich international eine deutliche geschlechterpolitische Spaltung unter jungen Menschen ab: Junge Männer tendieren zunehmend nach rechts, junge Frauen stärker nach links. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass toxic masculinity dabei häufig als Reaktion auf wahrgenommene Statusverluste wirkt. Also auf das Gefühl, dass Feminismus und Gleichstellung Männern etwas weggenommen hätten.

Eine zentrale Rolle spielen digitale Plattformen. Soziale Medien fungieren als eine Art „öffentliche Pädagogik“, in der Influencer und algorithmisch verstärkte Inhalte traditionelle, dominante Männlichkeitsbilder normalisieren und politisch aufladen. Toxic masculinity wird so nicht nur reproduziert, sondern aktiv vermittelt und strategisch genutzt.

References:

Banet-Weiser, Sarah & Miltner, Kate M. (2016) ‘#MasculinitySoFragile: Culture, structure, and networked misogyny’ in: Feminist Media Studies Vol. 16 (1), pp. 171-174.

Daddow, O., & Hertner, I. (2019). Interpreting toxic masculinity in political parties: A framework for analysis. Party Politics, 27(4), 743-754. https://doi.org/10.1177/1354068819887591

EADY G, RASMUSSEN A. Gendered Perceptions and the Costs of Political Toxicity: Experimental Evidence from Politicians and Citizens in Four Democracies. American Political Science Review. 2025;119(3):1446-1462. doi:10.1017/S0003055424001205


Haider, Syed (2016) ‘The Shooting in Orlando, Terrorism or Toxic Masculinity (or Both?)’ in: Men and Masculinities. Vol. 19 (5), pp. 555-565.

Stephenson, Nicolas (2025) 'Ballot of the Sexes: The gender gap in political attitudes'; Konrad-Adenauer-Stiftung https://ukonward.com/reports/ballot-of-the-sexes/

Anne Graefer - Februar 26, 2020

Was ist eigentlich ‘Toxic Masculinity’? Und können Frauen auch toxisch sein?

Was ist eigentlich ‘Toxic Masculinity’?

toxic masculinity,” a (heterosexual) masculinity that is threatened by anything associated with femininity (whether that is pink yogurt or emotions)
- Sarah Banet-Weiser and Kate M. Miltner.

Der Begriff  toxic masculinity wird oft benutzt, wenn es darum geht aggressives Dominanzverhalten von heterosexuellen cis-Männern zu beschreiben. Toxic masculinity (zu Deutsch ‚schädliche /toxische Männlichkeit‘) ist ein Konzept, das gerne mal falsch verstanden wird. Ganz schnell endet man bei der Gleichung Männer = Toxisch. So einfach diese Gleichung auch erscheint, sie ist leider falsch, denn bei dem Konzept geht es nicht um ‚Männer‘ (sex), sondern um ‚Männlichkeit‘ (gender). Also darum, was wir als männliches Verhalten anerkennen und was nicht. Genauer gesagt, geht es darum zu erkennen, dass bestimmt Aspekte die traditionell zum Mann-werden dazu gehören, schädlich sind. Schädlich für sie selbst, aber auch alle anderen um sie herum.

Bei ‚Toxic Masculinity‘ geht es nicht darum, dass Männer schädlich oder schlecht sind

Grundidee dahinter ist, dass wir bei männlich gelesen Kindern bestimmte Verhaltensweisen fördern, die ihnen vielleicht momentan weiterhelfen (zum Beispiel, um auf dem Schulhof nicht gehänselt zu werden), die aber auf Dauer toxisch sind. Deshalb dürfen Jungs gerne mal wild sein und über die Stränge schlagen, auch wenn das für andere unangenehme Folgen hat (‘Boys will be boys’). Jungs sollen sich durchsetzen können und keine Schwäche zeigen, damit ja keiner auf die Idee kommt sie zu dominieren. Nach dem Motto ‚Indianer kennt keinen Schmerz‘ ermutigen wir Jungs nicht zu weinen und versuchen sicher zu gehen, dass sie nicht am Ende noch ‚verweichlichen‘.

‚Wer toxische Männlichkeit erlernt hat, lebt mit einem Mangel‘, schreibt Frederik Müller. ‚Diese Personen haben meist kein gutes Verhältnis zu ihrem Körper, können ihre eigenen Grenzen ebenso wenig respektieren wie die anderer und haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zuzulassen, zu zeigen und zu verarbeiten. Konsequenzen hieraus sehen wir etwa im schlechten Umgang heterosexueller cis Männer mit dem eigenen Körper, ihrer Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit und ihrer Tendenz zu Depressionen, Sucht und Suizid.‘

Männlichkeit als Gegenteil von Weiblichkeit

Da sich Männlichkeit in einer heterosexuellen Matrix als Gegenteil von Weiblichkeit konstruiert, muss der Alpha-Mann alles als weiblich Konnotierte bei Seite schieben: egal ob das pinker Jogurt ist oder Emotionen. So überspitzt dieser Kommentar auch klingen mag, bei Geschlechterbildern orientieren wir uns immer noch ziemlich stark ein einer bipolaren Ordnung. Scheinbar intuitiv geben wir bestimmten Eigenschaften ein männliches bzw. weibliches Geschlecht:

Wortkarg – kommunikativ

Dominant – vermittelnd

Rational – emotional

Verstand – Körper

Stark – Schwach

Die Auswirkungen dieses Schubladendenkens sind schwer zu unterschätzen, denn sie zwingen Menschen in ein Korsett voller Erwartungen und Pflichten. Andererseits hat diese Korsett auch seine Vorteile, da es Identitätsstiftend ist und für viele weiße cis-Männer mit Privilegien verbunden ist (#Thomaskreislauf). Wenn nun dieses Korsett durch gesellschaftlich, politische der wirtschaftliche Veränderungen in Frage gestellt wird, dann fühlt man sich schnell bedroht und Teil von toxic masculinity ist es auf Unsicherheit mit Aggressivität zu reagieren. Zielscheibe dieses Hasses sind dann  insbesondere diejenigen, die Veränderungen vorantreiben wollen, wie Politiker*innen, Journalist*innen oder Aktivist*innen, oder diejenigen, die diese Veränderung repräsentieren, wie zum Beispiel nicht-weiße Menschen.

Können nicht auch Frauen toxisch sein?

Ja, auch Frauen benehmen sich manchmal toxisch. Aber der Punkt bei toxic masculinity oder eben toxic femininity ist nicht, wie sich einzelne Individuen verhalten, sondern es geht um das System dahinter. Darum wie starre soziale Normen unser Bild von Männlichkeit bzw. Weiblichkeit prägen. Und die gibt es bei Weiblichkeit natürlich auch: Permanent vermittelt zu bekommen, dass man als Frau gut aussehen muss, um etwas wert zu sein, ist toxisch. Permanent vermittelt zu bekommen, dass man als Frau doch am besten verheiratet ist und Kinder hat, ist toxisch. Von klein an gelehrt zu werden, dass Frauen ‚stutenbissig‘ sind und andere Frauen nur Konkurrenz am Heiratsmarkt sind, ist toxisch.

Der große Unterschied

Und dennoch gibt es einen großen Unterscheid zwischen den beiden: toxische Weiblichkeit ist viel weniger gefährlich als toxische Männlichkeit. Denn toxische Männlichkeit richtet sich auch nach außen, in Form von Gewalt gegen andere, vor allem Frauen und Menschen, die als ‚weniger männlich‘ erachtet werden.

‚If violence is constitutive of masculinity, then violence becomes the mode by which one asserts one’s masculinity. This assertion can take the form of symbolic violence and extend to physical violence too’, erklärt Syed Haider. Diese Gewalt äußert sich nicht nur durch Frauenhass im Netz, der versucht eloquente Frauen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Oder durch sexuelle Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz (wovon übrigens nicht nur Frauen, sondern alle Gender betroffen sein können), sondern auch durch häusliche Gewalt und Femizid. Eine Studie der United Nations zeigt den Zusammenhang:

“Intimate partner violence against women and girls is rooted in widely-accepted gender norms about men’s authority …and men’s use of violence to exert control over women. Research shows that men and boys who adhere to rigid views of gender roles and masculinity … are more likely to use violence against a partner.”

Das Konzept von toxic masculinity ist deshalb so hilfreich, weil es uns zeigen, dass bestimmte traditionelle Gendernormen schädlich sind. Sowohl für die, die mühevoll versuchen sie zu erfüllen, als auch für andere. Und das Konzept gibt Hoffnung, denn es zeigt, dass dieses enge Korsett ein Konstrukt ist und aufgeknöpft werden kann.

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References:

Banet-Weiser, Sarah & Miltner, Kate M. (2016) ‘#MasculinitySoFragile: Culture, structure, and networked misogyny’ in: Feminist Media Studies Vol. 16 (1), pp. 171-174.

Haider, Syed (2016) ‘The Shooting in Orlando, Terrorism or Toxic Masculinity (or Both?)’ in: Men and Masculinities. Vol. 19 (5), pp. 555-565.
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